Während Gisi ihre Ponys vom Paddock holt riecht sie den vertrauten Duft ihrer Pferde. Sie nimmt ihre Ponys Mausi und Malibu mit in den Stall und putzt sie, sattelt sie und zieht ihren Bollerwagen mit der Spielekiste rüber in die Reithalle. Dann kommen auch endlich die Pferde mit rüber zur Reithalle. Noch ist es ruhig im Stall. Als Gisi mit den Ponys in die Halle geht läuft Mausi sofort los. Sie läuft sich schon mal warm für das erste Therapie Kind, was gleich auf ihrem Rücken sitzen wird. Auch Gisi bereitet sich für die ersten Kinder vor. Sie baut die Spiele auf, die das Kind gleich vom Pferderücken aus machen soll.
Gisi war schon als Kind im Reitsport aktiv und ist mit Tieren groß geworden, nachdem sie nach der Geburt ihrer Töchter aus der Elternzeit raus war, wollte sie nicht mehr zurück in ihren alten Beruf und hat geschaut, welche beruflichen Möglichkeiten es rund um ihr Hobby (Reitsport) gibt. Sie ist dann auf eine Reittherapeutin in der Nähe ihres Wohnorts aufmerksam geworden und hat sich bei ihr zu einem Praktikum angemeldet. Da ist dann der Funke übergesprungen und der Entschluss ist gereift, die zweijährige Ausbildung zur Reittherapeutin zu absolvieren.
Reittherapie soll bei Menschen mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung helfen die ganzheitliche Entwicklung zu fördern, dabei steht die Beziehung zwischen Mensch und Tier im Mittelpunkt, diese bezieht sich auf die Achtsamkeit, Ruhe und nonverbale Kommunikation. Doch nicht nur das soll im Mittelpunkt stehen, sondern natürlich auch der Spaß, denn Entenangeln, Bogenschießen und Ringe werfen fördern nicht nur die Konzentration, sondern auch die Geduld.
,,Die größten Herausforderungen in der Reittherapie liegen oftmals außerhalb der eigentlichen Therapiestunde. Z.B. die Integration der Reittherapie in das schulische und familiäre Umfeld”, erklärt die Reittherapeutin Gisi. Doch nicht nur das, denn es muss auch einen freien Therapieplatz geben oder man wird ,,nur” auf eine Warteliste gesetzt. Für manche Eltern und Erziehungsberechtigte stellt sich auch die Frage, ob man durch die Krankenkasse oder bei Ämtern Anträge für die Übernahme der Kosten stellen kann, denn eigentlich übernehmen die Krankenkassen die Kosten für die Reittherapie nicht.
Aber nicht nur der Mensch (Therapeut/in) muss in der Therapie eingespielt sein, sondern auch das Pferd/Pony muss mit der Therapie klarkommen. Gisi erklärt:,, Nicht jedes Pferd ist für Reittherapie geeignet.”
Die Auswahl eines Therapie-Pferdes/Ponys bedarf große Sorgfalt, da viele der erforderlichen ,,Charaktereigenschaften” nicht anerzogen oder ausgebildet werden können, sondern bereits dem Naturell des Pferdes/Ponys entsprechen müssen. Das Pferd/Pony darf sich weder durch unerwartete Berührung oder Annäherung wie zum Beispiel Zerren an Mähne oder Schweif, ,,Unter dem Pferd/Pony hindurch” – Laufen oder Kriechen, Schlagen; unbemerktes Annähern von hinten, noch durch Lärm wie unvermitteltes Schreien oder einen lauten Knall aus der Ruhe bringen lassen. Dennoch bleibt ein Pferd/Pony instinktiv immer auch ein ,,Fluchttier”. Deshalb bleibt ein organisatorisches, ruhiges Umfeld, die alleinige Nutzung der Reithalle, kein Publikumsverkehr etc. und die individuellen Sicherheitsmaßnahmen, also ein geeigneter Reitplatz/Untergrund, Sicherheitssteigbügel, Reithelm, ggf. auch Schutzweste, Begleitperson neben dem Pferd/ Pony etc. immer besonders wichtig!”
Die grundsätzliche Durchführung der Reittherapie entspricht dem Ziel, diese individuell an jedes Kind anzupassen. Die Kinder, die eine Diagnostizierte Aufmerksamkeitsdefizit-/zw. Hyperaktivitätsstörung (ADHS) haben, haben andere Therapiebedarfe als Kinder mit einem körperlichen, geistigen oder Mehrfach-Handicap. Die Basis für die Auswahl der Therapie – Maßnahmen für die Reittherapie bildet meistens eine Kinder – ärztliche bzw. Kinder – Psychologische Diagnose. Gisi erzählt, dass sie sich in der ersten Therapiestunde, die als Schnupperstunde gilt, einen Überblick verschafft, ob und wie das Kind auf das Pony reagiert.
Eine Therapie kann naturgemäß nur dann stattfinden und erfolgreich sein, wenn das Kind angstfrei und positiv auf das Pony reagiert. Es kann sich auch, aber eher selten zeigen, dass ein Kind (noch) nicht bereit für die Reittherapie ist. Die Entscheidung zur Reittherapie wird allein von dem Therapeuten/ der Therapeutin gefällt, das Kind kann also nicht zur Therapie ,,gezwungen” werden. Die gewählten Therapiemaßnahmen werden im Laufe der Therapie fortlaufend an den Therapie – Fortschritt angepasst. Einige Kinder reagieren spontan und positiv auf die Reittherapie, andere tasten sich vorsichtig vor und bauen ihr vertrauen langsamer auf. Die Reaktionen auf die Therapie kann man schon regelmäßig und nach wenigen Therapiestunden erkennen. Dabei wird auch sichtbar, welche Therapiemaßnahmen sich erkennbar positiv auf das Kind auswirken und/ oder welche Maßnahmen keinen Erfolg versprechen. Am Anfang steht jedoch das Pony als therapeutisches Medium im Fokus. Der Umgang mit dem Pony wird von allen Wahrnehmungskanälen der Kinder angesprochen.
Am Anfang lässt sich das Kind erstmal nur ,,tragen”, dadurch wird zeitgleich die Körperwahrnehmung und die Körperspannung also das Gleichgewicht und die emotionale Ebene der Entspannung und Beruhigung positiv beeinflusst. Im weiteren Verlauf werden dann spielerische Elemente in die Therapiemaßnahmen intrigiert. Dabei steht das Training der Feinmotorik (Geschicklichkeit) und der Konzentrationsfähigkeit im Fokus.
,,Um die Feinmotorik zu üben, bereitet es den Kindern große Freude Ball – Spiele vom Ponyrücken aus zu spielen”, erzählt Gisi fröhlich. Doch man spielt nicht nur Ballspiele auf dem Pferd, sondern auch Bogenschießen, oder ein Spiel, bei denen die Kinder gegenseitig die Klammer verstecken, dann sagen, ob die Klammer in der Halle oder an einer Person/ Pferd ist und diese dann suchen, dies passiert immer abwechselnd.
Ein Spiel, welches die Farben und Formen trainiert ist das Eierspiel. Bei dem Spiel geht es darum, dass die Kinder die Eier, in denen auf der Innenseite Formen in verschiedenen Farben sind, zusammenstecken müssen. Fast so ähnlich wie das Steckwürfelspiel aus dem Kindergarten. Ein Spiel, welches den Kindern auch sehr viel Spaß bereitet ist, das Ringe werfen Spiel. Bei dem Spiel müssen die Kinder vom Ponyrücken aus den Ringen werfen. Einige Kinder, die schon in der Schule sind, oder bald in die Schule kommen haben viel Spaß ihre erzielten Punkte zusammen zu rechnen. Die Kinder freuen sich dann immer riesig, wenn sie eine hohe Punktzahl zusammengerechnet haben.
Natürlich ist man bei der Reittherapie nicht allein. Es ist immer mindestens eine Person neben dem Pferd und immer 2-3 weitere Kinder in der Halle. Mit den Kindern, die bei einem mit reiten kann man zusammen Spiele spielen oder vom Tag erzählen. Natürlich sind auch häufig Geschwisterkinder in der Reittherapie.
Gisi erzählt, dass einige Eltern auch Klamotten, oder Spielsachen mitbringen, die den Kindern nicht mehr gefallen oder passen, dann gibt Gisi diese Sachen an andere Kinder weiter. Diese wiederum bringen die Sachen, wenn sie ihren Kindern zu klein geworden sind, wieder mit zu Gisi und sie gibt die dann an die nächsten weiter.
Bei der Reittherapie geht es nicht nur darum, Spiele vom Pferd zu spielen und zu rechnen, Farben zu erkennen oder einfach über den Alltag zu reden und die Seele baumeln zu lassen, sondern auch darum, dass die Kinder den Umgang mit dem Pferd lernen, vielleicht mal einen kleinen Trab wagen und über ihre Grenzen hinauszukommen.

